"Hochsensibilität ist eine Stärke" – Der Bullshit-Satz, der dich ausbrennt

Du kennst das.

Das Summen der Lüftung im Großraumbüro, das sich anfühlt wie ein startender Jet.

Der Kollege, der zwei Tische weiter "nur kurz" einen Call macht – und du verstehst jedes Wort, ob du willst oder nicht.

Das Pling von Slack, das Pling von Teams, das Pling von Outlook.

Du sitzt in einem wichtigen Meeting. Du solltest dich auf die Strategie konzentrieren. Stattdessen scannst du unbewusst die Mikro-Mimik des CEOs, spürst die Spannung zwischen dem VP Engineering und der Head of Marketing und registrierst das grelle Licht der Bürolampe, das dir in die Augen sticht.

Wenn du abends nach Hause kommst, ist dein Akku nicht einfach nur leer. Er ist tiefentladen. Du bist reizbar, erschöpft, und das Einzige, was du willst, ist absolute Stille.

Und dann liest du irgendwo online diesen einen Satz: "Hochsensibilität ist eine Stärke!"

Ich sage dir was: Ich glaube, das ist Bullshit.

Zumindest ist es Bullshit, solange wir nur die halbe Wahrheit erzählen.

Kapitel 1: Die Reiz-Schuld-Spirale

Für die 15-20% von uns, die hochsensibel sind (HSP), ist der moderne Arbeitsalltag – besonders in der Tech-Welt – oft einfach nur Kacke.

Unsere Welt ist nicht für Ruhe gemacht. Und die Business-Welt schon gar nicht.

Hochsensibilität (HSP) ist keine esoterische Erfindung oder Einbildung. Es ist eine neurobiologische Realität, erstmals von Dr. Elaine Aron fundiert beschrieben. Dein Gehirn verarbeitet Reize – sensorische, emotionale, soziale – einfach tiefer und intensiver als das der meisten anderen Menschen.

Du nimmst mehr wahr. Du denkst mehr nach. Du fühlst mehr.

In der Theorie klingt das großartig: Empathie, Detailverliebtheit, Weitsicht. In der Praxis bedeutet es: Dein Nervensystem ist 24/7 im Anspannungsmodus.

Das Problem ist nicht der Satz "HSP ist eine Stärke" an sich. Das Problem ist, dass er uns in eine Falle lockt.

Wir sollen stark sein. Wir sollen diese "Gabe" nutzen. Aber wir fühlen uns 90% der Zeit einfach nur überlastet, falsch und "nicht resilient genug".

Das ist die Reiz-Schuld-Spirale:

  1. Überreizung: Die Welt ist zu laut. (Slack, Meetings, Großraumbüro).

  2. Erschöpfung: Dein System crasht. (Energie-Akku leer).

  3. Schuld: Du denkst: "Ich müsste das aushalten. Ich bin nicht belastbar genug. Mit mir stimmt was nicht."

  4. Kompensation: Du reißt dich zusammen, trinkst noch einen Kaffee und gehst ins nächste Meeting.

Und der Zyklus beginnt von vorn. Bis zum Burnout.

Dieser "Bullshit-Satz" suggeriert, dass die Stärke automatisch da ist. Er ignoriert die Tatsache, dass Hochsensibilität ein Hochleistungs-Werkzeug mit extrem hohen Wartungsanforderungen ist.

Wenn du einen Formel-1-Motor besitzt, ihn aber mit billigem Diesel betankst und nie das Öl wechselst, ist er keine Stärke. Er ist eine Belastung, die ständig kaputtgeht.

Kapitel 2: Meine persönliche "Großraumbüro-Hölle"

Ich kenne diese Falle nur zu gut. Ich bin selbst hochsensibel, besonders Lärm gegenüber. Ich schlafe seit 20 Jahren keine Nacht ohne Ohropax.

Jahrelang habe ich in Umgebungen gearbeitet, die für mein Nervensystem pures Gift waren. Als Berater bei Siemens, später im Hyper-Growth bei Amazon und Westwing, und schließlich als Co-Founder und Geschäftsführer meiner eigenen Startups.

Ich erinnere mich an Tage in Großraumbüros, an denen ich mich physisch krank fühlte. Jeder laute Call, jedes Lachen, jede Tastatur fühlte sich an wie kleine Nadelstiche.

Ich habe mich selbst dafür gehasst.

Ich dachte, ich sei als Führungskraft ungeeignet. Ich sah die extrovertierten Kollegen, die scheinbar mühelos von Meeting zu Meeting sprangen, abends noch auf Networking-Events gingen und am nächsten Morgen frisch wirkten.

Währenddessen saß ich im Auto und brauchte 20 Minuten Stille, bevor ich überhaupt den Zündschlüssel umdrehen konnte.

Mein größter Fehler war der Glaube, ich müsse meine Sensibilität "überwinden". Ich müsse härter werden. Robuster. Mehr wie die anderen.

Dieser Kampf gegen meine eigene Natur hat mich direkt in zwei Burnouts und einen Bandscheibenvorfall geführt.

Erst als ich kollabiert war, verstand ich: Das Problem war nicht meine Hochsensibilität. Das Problem war meine völlige Ignoranz gegenüber ihren Spielregeln. Ich hatte den Formel-1-Motor wie einen Traktor behandelt – und mich gewundert, warum er explodiert ist.

Kapitel 3: Der Paradigmenwechsel – Vom Sensor zur Strategiewaffe

Hör auf, deine Hochsensibilität als Schwäche zu sehen, die du kompensieren musst.

Und hör auf, sie als "Gabe" zu romantisieren, die dich automatisch besser macht.

Sieh sie als das, was sie ist: Ein extrem sensibles, hochauflösendes Radar-System.

In einer lauten, chaotischen Tech-Umgebung, die von kurzfristigen Sprints und lauter Politik dominiert wird, ist dein Radar dein größter strategischer Vorteil. Wenn du lernst, es zu bedienen.

Die meisten Führungskräfte tappen im Nebel. Sie sehen nur die Oberfläche. Du nicht.

1. Du siehst die Matrix (System-Verständnis) Wo andere nur einzelne Datenpunkte sehen, erkennst du Muster. Deine Fähigkeit zur tiefen Verarbeitung (das, was dich so schnell erschöpft) ist dieselbe Fähigkeit, die komplexe Systeme durchdringt. Du siehst die Risse in der Architektur, die Fehler im Prozess und die stillen Dynamiken im Team, lange bevor sie zu offensichtlichen Problemen werden. Du bist der geborene "System-Verbesserer".

2. Du bist der "Team-Flüsterer" (Empathie-Radar) Du spürst, wenn etwas im Team nicht stimmt. Du hörst in einem 1-on-1 nicht nur, was dein Mitarbeiter sagt, sondern wie er es sagt – und was er nicht sagt. Das macht dich zum Zentrum für psychologische Sicherheit. Teams, die dir vertrauen, weil du sie wirklich siehst, liefern exzellente Arbeit. Das ist die Essenz von "Quiet Leadership".

3. Du entlarvst das Impostor-Syndrom (Tiefen-Analyse) Viele HSP-Führungskräfte leiden am Impostor-Syndrom. Warum? Weil dein Radar auch nach innen gerichtet ist. Du scannst deine eigenen Fehler und Lücken mit derselben Intensität wie die Außenwelt. Das fühlt sich an wie ein Fluch, ist aber der Motor für Exzellenz. Du nimmst dich selbst ernster und gewissenhafter als andere. Wenn du lernst, diesen inneren Kritiker vom Analysten zu trennen, wird aus Selbstzweifel präzise Selbstreflexion.

Dein Radar ist eine Waffe. Aber eine Waffe, die überhitzt, wenn du sie dauerhaft im "Scan"-Modus lässt.

Kapitel 4: Vom Radar-Opfer zum Radar-Piloten (Die Strategie)

Die Lösung ist nicht, das Radar abzuschalten (das geht nicht). Die Lösung ist, vom passiven Sensor zum aktiven Piloten deines Systems zu werden.

Es geht nicht um mehr Self-Care-Bäder. Es geht um knallhartes, strategisches Energiemanagement.

1. Radikale Akzeptanz & Design Hör auf, dich dafür zu entschuldigen, dass du Ruhe brauchst. Es ist eine biologische Notwendigkeit, kein Luxus. Dein Job ist es, deine Umgebung aktiv zu gestalten.

  • Noise-Cancelling-Kopfhörer sind keine Option, sie sind deine Uniform.

  • Blocke "Deep Work"-Zeiten in deinem Kalender, in denen Slack und E-Mail geschlossen sind. Nicht als "nice to have", sondern als "non-negotiable".

  • Etabliere Fokus-Tage im Home Office und kommuniziere klar, warum du das tust: "Ich bin an diesen Tagen nicht 'weg', ich bin 'tief drin', um die komplexen Probleme zu lösen, für die ihr mich bezahlt."

2. Die "Nein"-Diät (Grenzen setzen) Dein System reagiert stark auf die Emotionen anderer. Das macht dich empathisch, aber auch anfällig für "People Pleasing". Du willst helfen, vermitteln, die Harmonie wahren – und brennst dabei aus.

  • Übe das "strategische Nein". "Nein, ich kann nicht an diesem Meeting teilnehmen, da es keine klare Agenda hat."

  • Übe das "verzögerte Ja". "Spannendes Thema. Lass mich das prüfen und ich komme bis morgen auf dich zu." Das gibt deinem System Zeit, den Reiz zu verarbeiten, statt impulsiv zuzusagen.

  • Schütze deinen Kalender wie ein Drache seinen Schatz. Jede Zusage ist ein Energie-Abfluss. Ist dieser Abfluss den Ertrag wert?

3. Geplante De-Kompression (Der Cooldown) Du kannst nicht von 180 auf 0 schalten. Ein hochsensibles Nervensystem braucht Übergänge.

  • Plane nach einem intensiven Workshop oder einem konfliktreichen Meeting 15 Minuten Puffer ein. Kein nächster Call. Kein "kurz Mails checken".

  • Geh 10 Minuten spazieren. Schau aus dem Fenster. Atme. Lass das System die Daten verarbeiten und ablegen. Wenn du das nicht tust, nimmst du die gesamte Reizlast mit ins nächste Meeting.

Der Weg beginnt mit Klarheit

Du bist als hochsensible Führungskraft in der Tech-Welt nicht falsch. Du bist notwendig.

Du bist das ruhige Auge im Sturm. Du bist diejenige, die Tiefe bringt, wo andere nur an der Oberfläche kratzen. Du bist diejenige, die Teams baut, die auf Vertrauen basieren, nicht auf Druck.

Hör auf, gegen dein Betriebssystem zu kämpfen. Fang an, seine Bedienungsanleitung zu lesen.

Deine Sensibilität ist kein Fluch. Sie ist dein anspruchsvollstes, aber auch dein mächtigstes Werkzeug.

Der Moment, in dem du aufhörst, dich dafür zu entschuldigen, und anfängst, sie strategisch zu nutzen, ist der Moment, in dem du vom übersehenen Experten zur souveränen, einflussreichen Führungskraft wirst.


Umsetzungs-Modul: Journaling-Impulse

Nimm dir fünf Minuten Zeit. Nur du und ein Blatt Papier. Beantworte diese Fragen mit radikaler Ehrlichkeit dir selbst gegenüber:

  1. In welchen 3 konkreten Situationen (Meetings, Personen, Umgebungen) fühlst du dich im Job am stärksten überreizt oder "falsch"?

  2. Welche deiner "HSP-Stärken" (z.B. Empathie, Gewissenhaftigkeit, Detailblick) wird von dir oder anderen fälschlicherweise als Schwäche oder "zu kompliziert" abgetan?

  3. Was wäre ein einziger kleiner "Design-Eingriff" in deinen Arbeitsalltag, der 20% deiner täglichen Reizlast entfernen könnte? (z.B. Slack-Notifications für 2 Stunden am Tag ausstellen).


Wenn dieser Gedanke bei dir Resonanz findet und du aufhören willst, deinen Formel-1-Motor mit Diesel zu betanken – wenn du bereit bist, deine ruhige Stärke gezielt als dein größtes Führungsinstrument einzusetzen –, dann lass uns sprechen.

Oft ist der erste Schritt der schwerste. Lass uns in einer kostenfreien 45-Minuten-Breakthrough-Session (kein Verkaufs-Pitch, nur reiner Inhalt) deine persönliche "Reiz-Bilanz" analysieren und den einen Hebel finden, der dir sofort mehr Energie und Klarheit gibt.

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